Syltreise 2015
20.10.2014

Christliche und muslimische Gemeindeleiter reisen gemeinsam nach Ghana

Im September 2014 machte sich eine kurzfristig (Ebola-Angst!) auf sieben Teilnehmer geschrumpfte Studiengruppe auf den Weg von Hamburg nach Ghana – zwei ghanaische Muslime aus dem Vorstand der Masjid Rahma Moschee in St. Georg/Hamburg, der dortige lutherische Pastor, der dortige Pastor der African-Christian Church aus Sierra-Leone, die kenianische Leiterin einer Pfingstgemeinde von ost-afrikanischen Frauen in Hamburg, ein Professor für Religionswissenschaft aus Rostock und ein Studienleiter der Missionsakademie.

 


Eine interreligiöse und interkulturelle Studienreise der Missionsakademie

Im September 2014 machte sich eine kurzfristig (Ebola-Angst!) auf sieben Teilnehmer geschrumpfte Studiengruppe auf den Weg von Hamburg nach Ghana – zwei ghanaische Muslime aus dem Vorstand der Masjid Rahma Moschee in St. Georg/Hamburg, der dortige lutherische Pastor, der dortige Pastor der African-Christian Church aus Sierra-Leone, die kenianische Leiterin einer Pfingstgemeinde von ost-afrikanischen Frauen in Hamburg, ein Professor für Religionswissenschaft aus Rostock und ein Studienleiter der Missionsakademie.


Am Trinity Theological Seminary in Legon, Accra, mit dem Präsidenten Rev. Joseph Obiri Yeboah Mante, Prof. Dr. John D.K. Ekem und Rev. Seth Sissi

Die interreligiöse und interkulturelle Gruppe wollte erkunden,
 

  1. ob es in Ghana wie in weiten Teilen Westafrikas – mit der Ausnahme Nord-Nigerias – zwischen Christen (etwa 70%) und Muslimen (etwa 18%) tatsächlich keine nennenswerten Auseinandersetzungen, sondern ganz im Gegenteil ein gutes Einvernehmen gibt, wie oft berichtet;
     
  2. worauf gute interreligiöse Beziehungen zurückzuführen wären;
     
  3. und ob bzw. was von der ghanaischen Erfahrung für die Entwicklung und Gestaltung friedvoller Beziehungen im hiesigen Kontext zu lernen wäre.


Am Department for the Study of Religions an der University of Science and Technology in Kumasi, mit Rev. Dr. Nathan Samwini und Imamen und Pastoren seines Seminars zu christlich-muslimischen Beziehungen

Die Reise führte die Gruppe vom christlich dominierten Süden des Landes (Accra, Kumasi, Sunyani) bis in die muslimisch dominierte Stadt Tamale im Norden. Nach vielen Begegnungen mit christlichen und muslimischen Studenten und Professoren, Imamen, Pastoren und Moscheegemeinden ergaben sich folgende Erkenntnisse, die zum Abschluss der Reise den Pastorenanwärtern und Dozenten des Trinity Theological Seminary in Accra vorgestellt und zur Diskussion gestellt werden konnten:


An der zentralen Moschee in Kumasi mit deren Imam, Dr. Samwini und einer Doktorandin
 

  1. Generell ist tatsächlich ein einvernehmliches Zusammenleben von Muslimen und Christen in Ghana vorauszusetzen. Religionszugehörigkeit hat dort weithin keinen trennenden Charakter. In vielen Großfamilien gibt es Angehörige beider Religionen sowie der traditionellen Religion. Islam und Christentum sind einheimische Religionen geworden. Beide sind im Rahmen eines gemeinsamen traditionellen Weltwissens indigenisiert worden.
     
  2. Unter der Oberfläche sind dennoch interreligiöse Irritationen wahrzunehmen. Bei Leitern von Kirchen und Moscheen ist verbreitet ein wechselseitiges Misstrauen anzutreffen, wonach „die anderen“ möglicher Weise eine „hidden agenda“ verfolgten, um die Gegenseite zur Konversion zu bewegen (Sorge der Muslime) oder um bei wechselnden Mehrheitsver-hältnissen die Sharia einzuführen (Sorge der Christen). Außerdem wussten Muslime von Diskriminierungserfahrungen zu berichten (Zwang auf muslimische Schüler, den Schul-gottesdienst zu besuchen oder die Kopfbedeckung abzulegen).
     
  3. Gelegentlich lokal ausbrechende Auseinandersetzungen mit Gewaltpotenzial – etwa aufgrund einer den Islam verdammenden Predigt eines Pfingstpastors – werden eingehegt durch die Intervention allseits respektierter Imame oder Pastoren. Sie stehen in direktem Kontakt zueinander, um bei Konfliktfällen zeitnah eingreifen zu können. Es verbindet sie die gemeinsame Sorge für den Erhalt und die Förderung eines friedlichen Miteinanders im Land. Diese in Ghana verfolgte Strategie der Konfliktbewältigung basiert auf der in der Gesellschaft vorausgesetzten Akzeptanz hierarchischer Autoritätsstrukturen. Wie lange aber können Spannungen „unterdrückt“ werden?


Am Tamale Institute für Cross-Cultural Studies (TICCS) in Tamale
mit dem Leiter Brother Miller Hernandez Díaz


Herausforderungen für Christen und Muslime

Die historischen, kulturellen, gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen der Gestaltung christlich-muslimischer Beziehungen in Ghana und in Deutschland unterscheiden sich deutlich voneinander. Dies schiebt einer unkritischen Übertragung ghanaischer Erfahrungen in den hiesigen Kontext einen Riegel vor. Dennoch sind die folgenden in Ghana gewonnenen Impulse auch für die Situation in Deutschland bedenkenswert, ganz abgesehen von der grundlegenden und ermutigenden Einsicht, dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist:
 

  1. Zwischen muslimischen und christlichen Gemeindeleitern besteht in Ghana weithin ein gutes Einvernehmen und gelegentlich ein Vertrauensverhältnis. Dieses wäre – auch in Deutschland – auf der lokalen Ebene des Zusammenlebens von muslimischen und christlichen Gemeinden zu fördern, etwa indem Räume der Zusammenarbeit der Religionsgruppen kreiert werden.
     
  2. Generalisierungen über die jeweils „anderen“ wären zu vermeiden und die Massenmedien an ihre gesellschaftliche Verantwortung zu gemahnen.
     
  3. Ungerechtigkeiten, Beleidigungen und Respektlosigkeit gegen die eine Gruppe wären als eine Angelegenheit aller zu erachten. Sie erforderten eine gemeinsame Antwort der Gläubigen.
     
  4. Im Bereich theologischer Ausbildung wäre die interreligiöse Kompetenz angehender Pastoren/Pastorinnen und Lehrer/Lehrerinnen zu fördern, und zwar insbesondere durch die Konzipierung von Seminaren unter Mitwirkung muslimischer Dozenten.


Mit Theologiestudenten und Dozenten des Trinity Theological Seminary in Legon/Accra
 

Werner Kahl
20. Oktober 2014